Die Kurmi Wasi Schule

Die Kurmi Wasi Schule

Ich möchte hier nun einmal auch unser Projekt genauer vorstellen, die Kurmi Wasi (=Regenbogen) Schule. Da es eine sehr besondere Schule ist, gibt es auch jede Menge darüber zu erzählen und noch immer lerne ich eigentlich wöchentlich etwas Neues über mein Projekt. Manche der Informationen wurden vielleicht auch schon in den Berichten genannt, aber ich denke, auf einer extra Seite sind die Informationen noch einmal deutlich übersichtlicher.

Zu Beginn erst einmal die wichtigsten Informationen: Die Schule wurde 2003 gegründet und befindet sich in Achocalla, einem Dorf in einem Tal am Rande des Altiplanos und der Stadt El Alto. Im Moment umfasst die Schule ungefähr 150 Schüler von Kindergarten bis Abiturjahrgang. Das Schulsystem ist zuerst einmal grob unterteilt in Kindergarten, Primaria und Secundaria. Letztere beiden enthalten jeweils 6 Jahrgänge, wobei zwei Jahrgänge in der Kurmi Wasi Schule zu einer Klasse zusammengefasst werden (zum Beispiel die 1. & 2. Klasse, 3. &4., etc.). Jede Klasse besteht immer aus ungefähr 25 Kindern.

Soweit klingt es noch nicht so außergewöhnlich. Bei näherer Betrachtung der Klassenzusammensetzung werden aber erste Besonderheiten bemerkbar: Zuallererst befinden sich in den meisten Klassen ein Paar Kinder mit Lernrückständen oder körperlicher und/oder geistlicher Behinderung. Diese Art der Integration ist vor allem für bolivianische Schulen außergewöhnlich, da oftmals Kinder mit Behinderung gar keine Chance haben, zu den staatlichen Schulen zugelassen zu werden, und sie war auch einer der Hauptgründe für die Gründung der Schule. Allerdings werden auch die anderen Schüler nicht „wahllos“ zusammengestellt. Bei der Schulzulassung wird darauf geachtet, bestimmte Quoten einzuhalten, was die Herkunft der Schüler betrifft. So soll zum Beispiel der größte Teil der Schüler direkt aus Achocalla selbst kommen und zu bestimmten anderen Teilen aus La Paz und El Alto. Auf diese Weise wird versucht, die eher ärmere Landbevölkerung Boliviens zu fördern. Weiterhin wird auch auf das Einkommen der Eltern der Schüler geachtet, denn als private Schule ist die Kurmi Wasi Schule auf ein Schulgeld jedes Schülers angewiesen. Besonders ist hierbei, dass dieses an das Einkommen der Eltern angepasst wird und zudem alternative Bezahlungsmethoden geschaffen wurden, zum Beispiel die Möglichkeit, dass einige Mütter einen Tag in der Woche in der Schulküche aushelfen.

Der Unterricht selbst unterscheidet sich sehr von dem von uns gut bekannten Modell in Deutschland, allerdings meiner Meinung nach auch sehr innerhalb der verschiedenen Klassen der Schule, sodass es schwierig ist, ein generelles Modell zu entwerfen. Ich kann deshalb eigentlich nur meine Beobachtungen der letzten Monate beschreiben, welche hauptsächlich die 5. & 6. Klassen umfassen.

Der größte Unterschied ist wohl, dass die Arbeit im Unterricht weitestgehend selbstständig erfolgt, Frontalunterricht oder ähnliches sucht man vergeblich. Die Tafel im Klassenraum habe ich in 4 Monaten vielleicht genauso viele Male jemanden benutzen sehen. In meiner Klasse gab es für verschiedene Aufgabenbereiche (Mathematik, logisches Denkvermögen, Sprachkenntnisse, Geschichte, etc.) aufeinander aufbauende Aufgabenblätter, die von den Schülern über das Schuljahr weitestgehend frei und nach Belieben bearbeitet werden konnten. Nur bei eventuellen Verständnisproblemen wurde der Lehrer involviert und dieser gab dem Schüler/der Schülerin dann individuelle Hilfe. Dieses System funktionierte in dieser Klasse sehr gut und oft bestand die Hauptaufgabe von dem Lehrer und mir nur darin, die Kinder am Arbeiten zu halten und zu motivieren. Da ich zudem bei dem Musiklehrer der Schule war, wurde in der Klasse auch sehr oft musiziert, auch mal, wenn die Konzentration der Klasse schwand diese und sich dann mit ihren Instrumenten „abreagieren“ konnten.

Freitagmorgens stand dann auch eigentlich immer die Klassenversammlung auf dem Programm, wo die Schüler über ihnen wichtige Themen diskutieren konnten. Auch dies regelten die Schüler selbstständig, zu Beginn wurde zum Beispiel ein Moderator und Protokollant bestimmt; der Moderator kann das Wort erteilen und der Protokollant hält alle wichtigen Beschlüsse der Klasse fest. In dieser Runde wurden zum Beispiel auch Probleme von Schülern untereinander diskutiert und eventuelle Strafen für die Beteiligten beschlossen. Auch wenn ich diese wöchentliche Versammlung manchmal ein wenig langwierig empfand, finde ich trotzdem, dass die Kinder so schon früh lernen, Konflikte untereinander und auf eine verantwortungsbewusste Weise zu lösen.

Meine Arbeit im Kindergarten kann ich mit der vom letzten Jahr eigentlich nicht vergleichen, aber generell ist sie wohl noch mehr unterstützender Natur. Der Tag wird mit der Anwesenheitskontrolle und Begrüßung (auf aymara) begonnen und Neuigkeiten besprochen. Dienstags und donnerstags wird der Tag hingegen mit dem Sportunterricht begonnen, dee meistens aus verschiedenen Bewegungsübungen wie Purzelbäume oder Räder besteht. Nach der Pause haben die Kinder an diesen Tagen Aymara, wo sie auf eine spielerische Weise die Sprachelernen. An den anderen Tagen haben die Kinder dann oft Zeit, zu malen, in Bilderbüchern zu blättern oder zu spielen. Einen Großteil der Zeit verbringen die Kinder in der Runde auf dem Teppich, wobei sie sich im Schneidersitz sitzen sollen. Die Kinder müssen sich schon sehr früh an eine Vielzahl von Regeln und Verantwortungen gewöhnen, neben der Sitzposition müssen sie auch ihre Rücksäcke und Kleidung eigenständig verstauen und haben auch innerhalb des Kurses bestimmte Aufgaben, wie zum Beispiel das Gießen der Pflanzen oder das Saubermachen des Kurses. Meine Hauptaufgaben bestehen eigentlich darin, den Kindern bei ihren Aufgaben zu helfen oder Marisa bei der Unterrichtsvorbereitung zu helfen, indem ich zum Beispiel die Hausaufgabenhefte der Kinder auf Briefe der Eltern überprüfe oder auch etwas bastle. Außerdem bin ich oft auch die Aufsichtsperson für die Kinder, unter anderem, wenn sie auf dem Spielplatz spielen oder von einem Ort zum Nächsten gehen müssen. An sich sind dies alle keine sehr schwierigen Aufgaben, aber bei der Arbeit mit kleinen Kindern (4-6 Jahre) kann dies durchaus eine kleine Herausforderung darstellen und man benötigt sehr viel Geduld. Nichtsdestotrotz macht die Arbeit im Kindergarten auch sehr viel Spaß und die Kinder sind wirklich süß.

Die Unterrichtsfächer sind eigentlich nicht so speziell, so müssen die Schüler sich genauso wie in Deutschland durch Fächer wie Mathe, Chemie und Englisch schlagen. Speziell aus deutscher Sicht ist wohl nur, dass neben Englisch die indigene Sprache Aymara unterrichtet wird, was aber für Bolivien eigentlich nicht sehr überraschend ist. Mir wurde übrigens schon oft gesagt, dass zumindest die Grammatik der Deutschen ähneln soll, da man auf aymara auch so wunderschön lange Wörter kreieren kann.

Jeden Montag findet auch eine Versammlung der gesamten Schule statt, wo auch über bevorstehende Ereignisse informiert und diskutiert wird. Außerdem stellt auch jede Woche eine andere Klasse etwas vor, zum Beispiel ein eingeübtes Lied oder ein kleines Theaterstück.

Dienstags und donnerstags haben die Schüler dann auch Nachmittagsunterricht, genauer gesagt talleres (Workshops), in die sie sich Semester einwählen können. Erinnert ein wenig an AGs, die Auswahl ist aber ein klein wenig anders: So stehen für die Schüler zum Beispiel neben Klassikern wie Theater und Sport auch Töpfern, Gartenanbau oder Ernährung zur Auswähl. Bei letzterem haben wir zum Beispiel einmal Käse selber hergestellt.

Eine meiner Meinung nach sehr schöne Tradition ist das montags und freitags in der Pause stattfindende Aphthapi. Zu diesem sollen die Schüler etwas zu Essen mitbringen, was dann meistens draußen auf Awayos platziert wird und dann (immer entgegen dem Uhrzeigersinn) weitergereicht wird. Oft wird bei dem Herumreichen des Essens auch auf die Geschmacksrichtung geachtet (zum Beispiel erst bitter, dann salzig und schließlich süß). Typischerweise gibt es immer jede Menge Früchte, Gemüse und Kekse, manchmal auch Dinge wie Pasta, Kuchen oder Eier. Bei dem letzten Aphthapi von Bernardo, dem Lehrer meiner Klasse und einem ziemlichen Essensfan, gab es aber das mit Abstand beste Aphthapi, denn dort brachten die Kinder zum Beispiel auch eine Torte, Pizzen und Eis mit, sodass die Schüler der anderen Klassen ziemlich neidisch durch die Fenster schauten. 😉

An den anderen Tagen der Woche wird immer in der Schulküche für alle gekocht, und das sogar vegetarisch. Da wir beide schon sehr viel Zeit in der Küche ausgeholfen haben, wissen wir, wie viel Arbeit es ist, jeden Tag für die ganzen Schüler und Lehrer zu kochen und ich habe echt jede Menge Respekt davor, auch weil ich letztes Jahr jeden Freitag mit nach El Alto auf den Markt gefahren bin und geholfen habe, die Einkäufe für die nächste Woche zu tragen.

Mit der Schulküche lässt sich dann schon gleich prima das nächste Thema verbinden: die Schultiere. Wir haben in unserer Schule nämlich Hühner, Enten, Schafe und auch ein Alpaka, und die Eier werden zum Beispiel in der Schulküche genutzt. Im Gegenzug werden die meisten organischen Küchenabfälle wieder an die Schafe verfüttert. Um die Tiere kümmern sich übrigens die Schüler der primaria. Auf diese Weise lernen sie schon sehr früh, Verantwortung für andere zu übernehmen, so müssen schon zum Beispiel die Erstklässler jeden Morgen die Eier der Hühner einsammeln. Außerdem gibt es in der Schule auch mehrere Gärten für Gemüse und Heilkräuter, wo zum Beispiel Quinoa oder auch Radieschen angebaut werden. Ebenfalls erwähnenswert sind das Gewächshaus, der Kompost, die Ökotoiletten, die keine Spülung besitzen und stattdessen mit Sägespänen den Geruch überdecken sollen, und das Theatergebäude, das für Vorführungen und auch für den Sportunterricht genutzt wird.

Zwei Mal im Jahr gibt es auch eine Gemeinschaftsarbeit, wo Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam an einem Samstag in die Schule kommen, um an der Schule weiterzuarbeiten. Wir haben bereits tatkräftig bei einer Gemeinschaftsarbeit mitgeholfen, wo zum Beispiel die Haltestellen für die Schulbusse verbessert und ein Volleyballfeld und kleine Teiche für die Enten der Schule gebaut wurden. Ich mochte besonders, dass man an diesem Tag auch einmal die Eltern seiner Schüler besser kennengelernt hat und durch die Arbeit ein Gemeinschaftsgefühl entstand und man am Ende des Tages beim gemeinsamen aphthapi sehen konnte, was man zusammen geleistet hatte.

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